Käfigtauchen mit Haien in Südafrika: Interview mit einem Meeresbiologen

Käfigtauchen mit Haien in Südafrika: Interview mit einem Meeresbiologen

Haitauchen in Südafrika: Interview mit einem Meeresbiologen

Haie sind (wenn man Hollywood glauben mag) gnadenlose Killermaschinen, die alles jagen und töten was sich in ihrer Nähe aufhält. Klar wissen die meisten, dass das absoluter Nonsens ist. Aber irgendwie halten sich manche Vorurteile doch sehr hartnäckig.

Einige Kampagnen für den Schutz der Haie nutzen den Slogan „Turn your fear into fascination“. Und genau das war der Grund, warum wir in Südafrika mehr über die beeindruckenden Tiere lernen wollten. Und wo könnten wir mehr über sie erfahren, als in der Hai-Hauptstadt Südafrikas? Gansbaai liegt an der berühmten Garden Route, rund 170 Kilometer von Kapstadt entfernt. Neben den Tauchorten Hout Bay, False Bay und der Gegend rund um Durban hast du hier die besten Chancen, einem Hai in freier Wildbahn zu begegnen. 

Immer wenn wir eine Aktivität mit Lebewesen planen, checken wir natürlich erstmal, ob diese sicher für die Tiere ist. Wir möchten die Haie nicht in ihrem natürlichen Lebensraum stören oder das Risiko für Verletzungen etc. erhöhen. Nachdem wir von der White Shark Diving Company zum Käfigtauchen in Gansbaai eingeladen worden sind (*Werbung, da Kooperation!), haben wir daher erstmal einige Fragen zum Tierschutz gehabt.

  • Wie gefährlich ist Haitauchen für die Tiere?
  • Kann sich ein Hai am Käfig verletzen? Oder sogar mit dem Kopf im Gitter steckenbleiben?
  • Ist es nicht unnatürlich die Tiere anzufüttern, damit sie ans Boot kommen?
  • Kann das Füttern nicht sogar dafür sorgen, dass sie Menschen mit Futter assoziieren?
  • Gab es in Gaansbai schon Unfälle beim Haitauchen?

Nach den Antworten waren wir nicht nur überzeugt, dass wir die Tour machen möchten. Wir bekamen auch die Zusage, dass ein Meeresbiologe uns nochmal im Interview die brennendsten Fragen aus der Community beantworten wird. Daher freuen wir uns sehr euch diesen Beitrag in Zusammenarbeit mit Paul (Meeresbiologe & Videographer der White Shark Diving Company) zu präsentieren! Er hat nicht nur jahrelange Erfahrung und kennt die Branche sehr gut, sondern setzt sich auch aktiv für den Tierschutz ein und sagt über sich, dass Haie seine große Liebe sind.

Kurzvorstellung: White Shark Diving Company (Gansbaai, Südafrika)

(*Werbung, da Kooperation!) Das Unternehmen gibt es seit mehr als 25 Jahren in der Hai-Hauptstadt Gansbaai an der Garden Route und setzt sich seit jeher für den Schutz der Haie ein. Daher wird nicht nur Käfigtauchen (in kleinen Gruppen mit Meeresbiologen an Bord) angeboten, um den Besuchern die faszinierenden Tiere näher zu bringen.

Dank der Zusammenarbeit mit der Stellenbosch University bildet die White Shark Diving Company zudem Meeresbiologen in ihrem eigenen „Shark and Marine Research Institute“ aus. Auch internationale Studierende können sich für das Programm bewerben und die Forschung unterstützen.

Wie viel kostet Haitauchen im Käfig? = Für Taucher sind es 2.200 Rand (circa 122€) und für Begleiter, die nicht tauchen möchten 1.900 Rand (circa 105€).

https://www.instagram.com/whitesharkco/

https://www.sharkcagediving.co.za

Käfigtauchen Kapstadt

Interview mit einem Meeresbiologen zum Thema „Käfigtauchen mit Haien“

Interviewer (hier: Axel): „Heute sind wir hier in Gansbaai an der Garden Route und waren soeben mit der White Shark Diving Company mit Haien tauchen. Was für ein unglaubliches Erlebnis! Jetzt im Anschluss dürfen wir unseren Guide, den Meeresbiologen Paul, interviewen. Paul, möchtest du dich kurz vorstellen?“

Experte (hier: Paul): „Hallo zusammen, mein Name ist Paul. Ich bin Tourguide und Videographer für die White Shark Diving Company hier nahe Kapstadt. Wir unternehmen seit knapp 25 Jahren Touren mit Käfigtauchen und ermöglichen Menschen aus aller Welt Haie aus nächster Nähe zu sehen.“

Gansbaai (Garden Route): Was erwartet mich beim Haitauchen in Südafrika?

„Warum sollte man gerade nach Gansbaai kommen, um Haie zu beobachten? Welche Arten gibt es hier?“

 „Es gibt zwei Hai-Arten, die wir normalerweise sehen können: einmal den berühmten Weißen Hai natürlich und die Bronzehaie. Gaansbai ist ein bekannter Tauchort für beide Arten, wobei wir seit einiger Zeit keine Weißen Haie mehr beobachten konnten.“ (Anmerkung: Orcas greifen aktuell vermehrt Weiße Haie an und vertreiben diese so aus ihrem natürlichen Lebensraum.)

„Was ist die beste Zeit, um in Südafrika Haitauchen zu gehen? Gibt es quasi eine Hauptsaison?“

 „Nein, wir sehen diese zwei Hai-Arten tatsächlich das ganze Jahr über.“

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Bronezhaie und der Weiße Hai: Wie unterscheiden sich die beiden Hai-Arten?

„Wie kann man diese beiden Arten denn als Laie vom Aussehen her unterscheiden?“

  „Im Durchschnitt sind beide Hai-Arten gleich lang, der Unterschied liegt daher in der Masse. Die Weißen Haie sind breiter und sehen generell massiger aus. Der Bronzehai ist eher stromlinienförmig.“

„Gibt es weitere Unterschiede? Zum Beispiel im Verhalten, wenn man ihnen im Wasser begegnet?“

 „Der Weiße Hai neigt zum Einzelgängertum und taucht nur manchmal in losen Gruppen von zwei oder drei Tieren auf. Im Gegensatz dazu ist der Bronzehai vorrangig in Gruppen unterwegs, gerade beim Jagen. Wenn man also einen Bronzehai unter Wasser sieht, kann man damit rechnen, dass noch weitere Haie in der Nähe sind.“

Wie unterscheiden sich Männchen & Weibchen bei den Haifischen?

„Wir haben heute 18 Individuen gesehen und du sagtest, es waren alles weibliche Haie?“

 “ Ja genau.“

„Wie kann man als Amateur denn Männchen und Weibchen am leichtesten unterscheiden?“

 „Das ist eine gute Frage! Man schaut sich den Bauch des Tieres in Richtung Schwanzflosse an. Bei den Bauchflossen eines Männchens sieht man zwei Anhängsel, die sogenannten Klasper. Die sind von außen gut sichtbar!“

„Wir haben einige Haie mit Wunden auf ihrem Rücken gesehen. Woher kommen die? Hat der Mensch damit zu tun?“

 „Nein, der Mensch trägt keine Schuld daran. Das sind Paarungswunden. Wenn sich Haie paaren, beißt das Männchen an dieser Stelle das Weibchen und hält sich mit den Zähnen fest. Nach der Paarung lässt das Männchen los und hinterlässt diese oberflächlichen Wunden.“

„Also müssen wir uns keine Sorgen um diese Verletzungen machen?“

 „Nein, das sind wie gesagt ganz natürliche Verletzungen und weibliche Haie haben eine dickere Haut als die Männchen. Sie sind von Natur aus darauf ausgelegt, diese Bisse zu ertragen und die Wunden heilen daher sehr schnell. Es sieht also schlimmer aus, als es tatsächlich ist!“

Wie gefährlich ist Käfigtauchen für die Haie?

„Bestehen generell Gefahren beim Käfigtauchen für uns Taucher oder die Tiere?“

 „Nein, wir sind seit über 25 Jahren im Geschäft und haben noch nie einen Unfall erlebt. Bei allem was wir tun, kommt die Sicherheit sowohl der Taucher als auch der Haifische an oberster Stelle. Das ist uns sehr wichtig.“ (Anmerkung: Alle Anbieter in Südafrika müssen sich streng an die Vorschriften des South African Department of Forestry, Fisheries and the Environment (DFFE) halten. Viele Videos von Unfällen beim Käfigtauchen stammen aus Mexiko.)

„Wir haben gelesen, dass die Käfige für die Haie gefährlich werden und sie sich daran verletzen können. Stimmt das?“

 „Ja, diese Sorge hören wir oft. Ich kann euch aber garantieren, dass sowas in Gansbaai nicht passiert. Wir sind sehr verantwortungsbewusst und alle eingesetzten Käfige wurden von einem Ingenieur so gebaut, dass sie sicher für die Taucher und die Haie sind. Der bekannteste Vorfall, von dem auch ein vielgeklicktes Video auf YouTube berichtet, war auf Guadelupe. Dabei ist ein Haifisch in den Käfig geraten, weil der falsche Typ genutzt wurde. Das war nämlich ein sogenannter TV-Crew-Käfig (mit großen Öffnungen für die Kameras). Solche Käfige gibt es bei uns gar nicht. Die Haie können somit weder hineingelangen noch sich daran verletzen.“

„Ist es nicht gefährlich Haifische zu füttern, weil sie dann Menschen mit Futter assoziieren?“

 „Das ist ein sehr verbreiteter Irrglaube, der dem Haitauchen anhängt. Wir füttern die Haie nicht, wir benutzen Lachsstücke als Köder, die für den Hai keinen Nährwert besitzen und ihn nur anlocken. Die Stücke sind hauptsächlich Gräten und riechen intensiv, der Geruch lockt also die Haie an. Wir konditionieren die Tiere zudem nicht, weil es immer wechselnde Individuen sind. Man weiß auch nie, ob überhaupt Haie ans Boot kommen oder nicht. Das ist bei jedem Tauchgang anders.“

(Anmerkung: Die Meeresbiologen haben uns an Bord erklärt, dass die Haie aus Neugier das Boot umkreisen und kein Jagdverhalten zeigen. Zum Beispiel sind auch Actioncams sehr interessant für die Tiere, weil sie die elektrischen Felder wahrnehmen können.)

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Hollywood & Haie: Das Image einer hirnlosen Fressmaschine

„Wenn man einen Film mit Haien sieht, werden sie oft als Monster und gnadenlose Fressmaschinen gezeigt, die alles angreifen, was ihnen begegnet. Hollywood vermittelt dadurch, dass ein Hai dich tötet, sobald er die Chance dazu hat.“

 „Das ist eine absolut falsche Vorstellung von Haien. Hollywood und die mediale Darstellung allgemein haben den Tieren leider keinen Gefallen getan.“

„Also ist „Der Weiße Hai“ (*Film) nicht real?“

 „Haha, nein ist er definitiv nicht! Aber das ist eines unserer Ziele, die wir verfolgen und ein wichtiger Grund, warum wir Käfigtauchen anbieten. Wir wollen den Menschen zeigen, wie Haie wirklich sind. Sie sind schöne, aber missverstandene Tiere und brauchen alle Hilfe und allen Schutz, den wir ihnen geben können.“

Was sind die größten Gefahren für Haie? Warum brauchen sie unseren Schutz?

 „Was sind die größten Gefahren für Haie?“

 „Die stärksten Bedrohungen für Haie sind alle von Menschen gemacht. Wir haben Schleppleinen-Fischer in den internationalen Gewässern vor der Küste, die die Tiere als Beifang fischen und die kleineren Hai-Arten sogar überfischen. Außerdem haben wir Hai-Barrieren, die Schwimmer und Surfer schützen sollen. Aber leider sind diese auch für den Tod von circa 30 Weißen Haien pro Jahr verantwortlich. Die Haifische sind also vom Menschen sehr ernst gefährdet.“

 „Warum sind Haifische relevant für die Gesundheit der Meere? Welchen Beitrag leisten sie konkret?“

 „Ein Ozean ohne Haie ist ein toter Ozean, denn sie spielen eine äußerst wichtige Rolle für das Ökosystem. Sie fressen die kranken, toten und sterbenden Tiere und halten die Populationen von Robben oder Fischen unter Kontrolle. Sie halten alles im Gleichgewicht, das ist ihre Aufgabe. Wenn diese Balance zerstört wird, ist der gesamte Ozean in ernsten Schwierigkeiten. Deswegen müssen Haie unbedingt geschützt werden.“

Tierschutz: Was tut die White Shark Diving Company konkret für die Haie?

„Was war euer letzter großer Erfolg im Kampf für den Schutz der Haie?“

 „Unser letzter Erfolg galt dem Schutz der Bronzehaie. Da haben wir durch sehr intensive Forschung unseres Marineinstitutes und der anderen Marinebiologen in der Gegend viel erreichen können. Denn bislang durften die Fischer diese Hai-Art unbegrenzt töten. Wir erzielten, dass zumindest Tiere ab 1.20 m nicht mehr erlegt werden dürfen.

Außerdem arbeiten wir intensiv am Projekt „Shark-Safe-Barrier“. Das ist ein System, das nach Fertigstellung die bisherigen Hai-Barrieren ablösen soll. Es imitiert einen schützenden Tangwald und hat außerdem starke Magnete eingebaut, die Haifische meiden. So können die Tiere ohne die Gefahr von Verletzungen davon abgehalten werden in ein bestimmtes Areal hinein zu schwimmen. Das ist ein weiterer wichtiger Schritt, um die Haie langfristig zu schützen.“

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„Wir hatten eine wundervolle Zeit hier und sind um eine großartige Erfahrung reicher. Lieben Dank an dich und das Team. Und Dankeschön, dass du dir für das Interview Zeit genommen hast!“

 „Vielen Dank, dass ihr hier wart. Wir hoffen, ihr konntet Haie aus einem ganz neuen Blickwinkel kennenlernen.“

 

Hast du noch weitere Fragen an Paul? Schreib sie uns gerne in die Kommentare!

Axel & Sue

Haitauchen Südafrika Interview Meeresbiologe Käfigtauchen
Unsere Eindrücke von Kapstadt: erstes Reiseziel in Südafrika

Unsere Eindrücke von Kapstadt: erstes Reiseziel in Südafrika

Unsere Eindrücke von Kapstadt: erstes Reiseziel in Südafrika

Kapstadt ist neben Pretoria und Bloemfontein eine der drei Hauptstädte Südafrikas und für uns der allererste Stopp unserer Weltreise. Damit hat diese Stadt auf Anhieb einen besonderen Platz in unseren zukünftigen Reisegeschichten. Und mit Südafrika landen wir zum allerersten Mal auf dem Kontinent Afrika. Daher: doppelter Bonus!

Kapstadt (auch als „Mother City“ bezeichnet) hat über 4,6 Millionen Einwohner und ist ein Ort mit mindestens zwei Gesichtern. Da uns die gesamte Gegend rund um das Kap der guten Hoffnung interessiert hat, war die Stadt ein logischer erster Halt auf unserer Route quer durchs Land. Und wir haben uns darauf gefreut die unterschiedlichen Viertel Kapstadts zu entdecken. Von Woodstock (Graffiti & Streetart) über das bunte Bo-Kaap bis hin zur schicken Waterfront.

Und so streiften wir für zwei Wochen durch Kapstadt: von den Traumstränden und der unglaublichen Bergkulisse bis hin zu den endlosen Townships, durch die wir regelmäßig durchfuhren. Ausgelassene Stimmung auf einer Champagner-Bootstour im Kontrast zur harten Realität der Obdachlosen, die neben der Straße campierten, als wir heimliefen. Wenn wir also gefragt werden, wie wir es in Kapstadt (*Fokus liegt beim Beitrag auf der Stadt und nicht auf der gesamten Region!) fanden, müssen wir erst ein bisschen ausholen. Denn es gibt für uns keine kurze, einfache Antwort.

Unsere Landung in Kapstadt & der erste Eindruck

Wir sind am 06.10.2022 gegen Mittag im Cape Town International Airport gelandet und haben bereits vom Flugzeug aus die beiden Extreme gesehen. Beim Landeanflug konnten wir einen Blick auf die Berge und die traumhaften Strände der Stadt erhaschen. (Und auch beim Helikopterflug wenige Tage später sahen wir die bekannten Highlights Kapstadts von oben: die 12 Apostel, den Tafelberg, Lionshead und Signal Hill. Die große Arena des Capetown Stadiums, die umliegende Waterfront sowie die Luxus-Viertel rund um den Clifton-Beach.)

Beim Landen wurden immer mehr Einzelheiten der anderen Seite Kapstadts sichtbar. Umso tiefer wir mit dem Flugzeug sanken, desto mehr Details der Slums von Gugulethu kamen in Sicht, die sich in einem ungekannten Elend bis an die Zaungrenze des Airports erstreckten. Wellblechhütte neben Wellblechhütte.

Wer diese beiden Eindrücke schon beim Landen am internationalen Flughafen erlebt hat, kann sich bereits ein gutes Bild vom Lebensalltag in Kapstadt machen. Villen im Wert von zig Millionen stehen hier in den Edelvierteln, während nur knapp zweihundert Meter weiter die notdürftigen Behausungen der Ärmsten sich dicht an dicht drängen.

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Die Lebensrealität in Cape Town – knapp 30 Jahre nach Ende der Apartheid

Die, auch 30 Jahre nach dem Ende der Apartheid, hauptsächlich weiße Oberschicht flaniert über das satte Grün des Golfplatzes nahe dem Capetown Stadium. An dessen Zaun (der natürlich mit Stacheldraht und Elektro-Trafo vor Einbrüchen gesichert ist) haben sich die Obdachlosen einfachste Unterkünfte aus Pappe und Zelten gebaut. Neben dem schicken Tennisplatz in der Nähe campiert eine Familie mit zwei kleinen Kindern unter einer Plastikplane. Die Mutter hängt die Wäsche über der Umzäunung auf. Die beiden Kinder kicken mit dem Vater eine Konservendose hin und her.

Diese soziale Ungerechtigkeit und der systemische Rassismus (nur 0,89 % der von Armut betroffenen Menschen ist weiß) ist für uns beide nur schwer zu ertragen. Uns ist klar, dass sich eine Gesellschaft nicht vollständig in nur 30 Jahren verändern kann. Aber andererseits wünschen wir uns so sehr, dass es schneller gehen würde. Und neben diesem vorherrschenden Problem sind auch Gewalttaten, Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt an der Tagesordnung. (In Südafrika gibt es täglich circa 60 Morde, 6x mehr als in den USA. Zudem gibt es circa 42000 Vergewaltigungen pro Jahr. Das sind im Schnitt 115 Vergewaltigungen am Tag.)

Wir lasen im Apartheid Museum in Johannesburg später unter anderem folgenden Text (*aus dem Gedächtnis heruntergeschrieben): „Ein Mädchen, das in einem Township geboren wurde, hat eine höhere Chance vergewaltigt zu werden als lesen und schreiben zu lernen.“

Ein „Kriminalitätsproblem“ in Südafrika – nicht eher ein „Armutsproblem“?

Zur Reisevorbereitung haben wir einige Blogs mit Beiträgen zum Thema „Sicherheit in Kapstadt“ durchgelesen. Denn uns war natürlich die hohe Kriminalitätsrate in Südafrika bekannt und wir wollten uns ausreichend vorbereiten. Schnell stießen wir auf die unterschiedlichsten Ratschläge. Zum Beispiel „In Woodstock kann man tagsüber problemlos allein herumspazieren, auch durch die Nebengassen“ vs. „Woodstock am besten ohne Guide gar nicht erst betreten!“.

Wir gehen eine solche Reise einerseits nicht naiv an und bereiten uns ausreichend vor. Andererseits wollen wir trotzdem nicht voreingenommen sein. Wir wollen uns nicht wegen irgendwelcher Vorurteile abkapseln, sondern mit den Einheimischen ins Gespräch kommen. Denn diese Begegnungen mit anderen machen für uns eine Reise erst komplett.

Um mit anderen in Kontakt zu treten, braucht man ein gewisses Grundvertrauen. Und dieses ist für uns im Regelfall sehr schwer zu erschüttern. Zum Beispiel wurden wir in Vietnam von einem Taxifahrer beklaut, was eine üble Erfahrung war. Aber das hat uns nicht davon abgehalten danach wieder allen Menschen erstmal zu vertrauen. Warum andere dafür bestrafen, was ein Einzelner getan hat? Das hätte überall passieren können und hat nichts mit der Nationalität zu tun, sondern mit der Hoffnungslosigkeit einer Person.

In Kapstadt hatten wir im Gegensatz zu unserer Einstellung bei anderen eine vollkommen andere Grundstimmung vorgefunden. Dort wurden wir von jedem gewarnt: „Habt ihr euer Auto sicher verriegelt?“ oder „Ich kann euch nicht empfehlen zu laufen, auch wenn es nur 5 Minuten sind. Bitte nehmt ein Taxi!“. Keiner scheint dem anderen zu vertrauen. Jeder schottet sich und sein Haus mit Hab und Gut ab. Mit hohen Mauern, Stacheldraht, Alarmanlagen und Schildern „Dieses Grundstück wird von Sicherheitsfirma XY bewacht“ und im Ernstfall mit bewaffneten Security-Kommandos.

Wir hatten zusammengefasst das Gefühl, dass hier nur das Symptom, nämlich die hohe Kriminalitätsrate, versucht wird einzugrenzen und zu beschränken. Die Wurzel davon, die Armut und Perspektivlosigkeit, die die Menschen dazu zwingt kriminell zu werden, ist sehr viel hartnäckiger. Bis dieses Problem langfristig und flächendeckend gelöst ist, wird noch viel Zeit vergehen.

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Unsere Erfahrungen mit Scams & unsicheren Vierteln in Kapstadt

Wir waren beim Frühstück in einem Café und spazierten anschließend zu unserem Auto zurück. Dabei wurden wir plötzlich von einem Mann in Security-Uniform mit einem Walky Talky in der Hand angesprochen. Wegen dem stattfindenden Marathon dürften wir uns hier nicht aufhalten und müssten eine kostenlose „Permit“ beantragen. Dabei wurde er recht drängend und sagte immer wieder, dass Axel (der den Rucksack trug) mitkommen müsse. Das kam uns dann doch komisch vor. Und als wir ihn nach einem Dienstausweis fragten, konnte er uns keinen zeigen.

Gott sei Dank haben wir uns von unserem Bauchgefühl leiten lassen, sind schnell ins Auto gestiegen und haben es von innen verriegelt. Wir konnten losfahren und die unangenehme Situation hinter uns lassen. Nachdem wir später anderen davon erzählten, erfuhren wir, dass einige auf diese Betrugsmasche in Kapstadt hereingefallen wären. Sie folgten dem „Securityguard“ in eine Nebenstraße und wurden ausgeraubt. Mit diesem Wissen fühlten wir uns noch unwohler in dieser Stadt und waren anderen gegenüber auf einmal misstrauisch.

Als wir in Woodstock mit einer geführten Graffiti-Tour durch die Straßen zogen, haben wir wunderbare Streetart von jungen Künstlern und internationalen Stars der Szene gesehen. Zwischen hippen Cafés und Geschäftsräumen der Start-Ups drängten sich viele bunte Graffitis. Zum anderen waren aber (gerade in den Seitenstraßen) reihenweise baufällige, heruntergekommene Häuser zu sehen, vor deren Türen sich der Müll türmte.

Unser Guide erklärte uns, welche Gassen „sicher“ waren und welche auch er (als gebürtiger Woodstocker) nachts meidet. Auch während der Tour haben wir zwischendrin zur Hauptstraße zurückkehren müssen, da unser Rucksack und die Kameratasche die falsche Art Aufmerksamkeit anzogen. Manche folgten uns auch, bis eine Polizeistreife vorbeifuhr und schwupps waren sie im nächsten Hauseingang verschwunden. Diese Erfahrung hat ebenfalls dazu beigetragen, dass wir uns nie (auch nicht in „sicheren“ Vierteln) zu 100 % wohlgefühlt haben.

Fazit: Wie fanden wir es in Kapstadt? Lohnt sich eine Reise?

Die Reise durch Kapstadt war für uns zusammengefasst eine gemischte Erfahrung. Denn zum einen ist natürlich das Panorama mit dem Tafelberg, Signal Hill und Lions Head gewaltig. Und die Strände (z. B. Camps Bay oder Clifton Beach) sind ein absoluter Traum. Aber gerade dort und auch zum Beispiel an der V&A Waterfront hat man das Gefühl, in einer Parallelwelt zu sein. Denn die allgegenwärtige Armut und die Lebensumstände der Menschen in den Elendsvierteln, wie Hanover Park oder Stern Close, sind nicht ertragbar. Selbst in Bo-Kaap und Woodstock (beides aufstrebende Gegenden) sieht man die Zeichen der gigantischen Perspektivlosigkeit der überwiegend schwarzen Bevölkerung.

Wir sind uns bewusst, dass man als weißer Bürger eines Industriestaates generell privilegiert ist. Dass Menschen mit anderer Hautfarbe und Herkunft viele Probleme und Herausforderungen erleben, die uns nicht belasten. Aber bei unserem Besuch Kapstadts bekamen wir dies in so drastischer Art und Weise gezeigt, dass es uns täglich schockiert hat.

Die Lebensrealität vieler (gerade schwarzer) Südafrikaner in den Townships steht in so krassem Kontrast zu unserem gewohnten Leben, dass man sich geradezu schämt. Hier wird uns gezeigt, wie gut es uns geht im Vergleich zu anderen Menschen und wie wenig existenzielle Ängste wir alltäglich erleben müssen. Gleichzeitig empfinden wir aber auch eine enorme Dankbarkeit für unsere Privilegien, die uns hier wieder alles andere als normal erscheinen.

Und genau deswegen wollen wir uns mit solchen „unangenehmen“ Themen wie Armut, Kriminalität und Rassismus beschäftigen. Denn wir sollten solche lehrreichen Erlebnisse weitererzählen und nicht totschweigen. Deswegen finden wir, dass unser Kapstadt-Trip dennoch eine positive Erfahrung war.Kapstadt hält sowohl einem selbst als auch der Gesellschaft den Spiegel vor und zeigt unmissverständlich grundlegende Probleme auf.

Die Schere zwischen Arm und Reich, internalisierter und systemischer Rassismus, Kriminalität, Chancenungleichheit. Auf all das wirft Kapstadt ein Brennglas, wenn man gewillt ist hinzusehen.Dieses Hinsehen sollte man unserer Meinung nach auch auf die Gefahr hin tun, dass man dabei einen neuen und vielleicht unschönen Blick nach innen richten muss. Wer so weltoffen und selbstreflektiert ist, wird hier auf jeden Fall einiges zum Nachdenken bekommen. 

Axel & Sue

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